Ruiniert die Digitalisierung das Marketing?

Thomas Koch schreibt in seiner aktuellen WiWo Marketing-Kolumne, dass die Digitalisierung ein Krampf für jeden Marketing-Experten darstellt. Aber hat er damit Recht oder fehlt dem Marketing nur etwas, um mitzuhalten?

Zu viele Trends verkomplizieren das Marketing

Insbesondere die stetig fluktuierenden Trends werden von Koch als problematisch beschrieben, da die Kostenoptimierung in der Branche schlimm genug ist und die Ressourcen knapp bemessen werden. Kommen nun in regelmäßigen und vor allem kurzen Abständen neue Kanäle, Formen und Wundermittel ins Spiel, gilt es die Balance zwischen dem operativen Alltag und dem Einarbeiten, Testen, Verwerfen oder Implementieren neuer Maßnahmen zu finden. „Vernachlässigt man auch nur eines dieser bedeutungsschwangeren Themen“, schreibt Koch“, gilt man als rückständig.

Schwierig sei zusätzlich die Tatsache, dass jeder Trend sofort „von prominenten Branchen-Koryphäen wieder in Frage gestellt wird.“
Sprich, der Otto-Normal-Marketing-Experte wird quasi sofort verunsichert.

Bereits hier möchte ich von Luxusproblemen sprechen, denn wo Koch ein Problem sieht, sehe ich vor allem einen riesigen Vorteil. Während Marketing-Experten früher neue Trends selbst ausprobieren mussten, um zu sehen, ob sie lohnenswert sind und die Evangelisten so lange die Oberhand hatten, dass sich selbst absolut schädliche Maßnahmen über Jahre hinweg etabliert haben (fragen Sie mal bei den SEO-Experten nach), gibt es mittlerweile sehr früh zuverlässige Pro- und Contra-Meinungen, die bei der Entscheidung helfen. Warum sollte das ein Problem sein?

Big Data – Big Verschwendung?

Weiterhin zitiert Koch den Kreativchef der Werbeagentur DDB, Amir Kassaei, der Big Data im Februar 2015 als „Bullshit-Begriff“ bezeichnete. So könne man die großen Datensätze vom Kundenverhalten höchstens für zielgenauere Werbung einsetzen. „Schließlich gebe es heute noch kein Unternehmen, das die erhobenen Daten so genau zusammensetzen könne, dass ein tatsächlicher Insight in die eigene Kundschaft ermöglicht werde.“ Ich bin jetzt nicht so sehr im Thema drin, dass ich mich selbst als Expertin bezeichnen würde, aber ich glaube, dass Amazon etwas gegen diese Aussage einzuwenden hätte.

Gerade hier scheint mir ein eher altmodisches Problem des Marketings für die Verwirrung zu sorgen: die völlige Abgrenzung zum Vertrieb. Natürlich sind die Mehrwerte von Big Data umso schwieriger zu extrahieren, wenn man innerhalb von Scheuklappen nur nach Marketing-Vorteilen sucht. Werden die Kundendaten jedoch genutzt, um Kundenprofile besser herauszuarbeiten, Kundesegmente zu bestimmen und das Kundenverhalten zu erkunden (und all das ist möglich und wird schon getan), dann kann man auch seine Inhalte besser erstellen und platzieren.

Vielleicht hat Koch auch einfach nicht so sehr auf das Datum von Kassaeis Aussagen geachtet, denn der Beitrag auf den er sich bezieht (via onlinemarketing.de) ist immerhin schon anderthalb Jahre alt.

Digitalisierung: zu komplex, zu vielfältig, zu schnell vorbei

Ich stimme Koch in einer Grundaussage seines Textes zu: die Auswahl an Methoden, Trends und Maßnahmen im Bereich (Online) Marketing ist viel zu groß und frustriert genau dann, wenn sie Offline-Marketing diskreditiert. Erst kürzlich hat sich ein Influencer auf Twitter über Otto-Kataloge lustig gemacht. Was er bei all seinem Spott wohl nicht bedacht hat, ist die Tatsache, dass viele Kunden Kataloge immer noch gegenüber Online-Shops bevorzugen, sei es der Haptik, der Nostalgie oder der nachhaltigen Markierung von Produkten wegen, die eben nicht mit dem nächsten Klick gelöscht wird. Die eingeknickte Katalogseite lässt sich halt schwierig Online nachbauen.

Das Problem sind jedoch nicht die Methoden, sondern die fehlenden Grundlagen der Unternehmen. Wer seinen (gewünschten) Kundenstamm nicht kennt und kein klares Bild von seinem eigenen Unternehmen bzw. eine eigene „Story“ hat, der wird auch Schwierigkeiten haben, zu entscheiden, ob Snapchat nun notwendig für das eigene Marketing ist oder nicht und ob der Printkatalog bleiben oder dem Instagram-Kanal weichen soll.

Gutes Marketing baut auf Kunden-, Produkt- und Unternehmensverständnis auf

Thomas Strerath, Vorstand bei Jung von Matt, ist kein Fan von Content Marketing. Natürlich nicht, er verdient sein Geld vorwiegend mit klassischen Werbeformaten, der Fleischer wird sich auch nicht gerade begeistert über Tofu äußern. Seine von Koch zitierte Kritik am Content Marketing ist jedoch Augenwischerei. „Die exponentiell zunehmende Quantität der Inhalte von Medien, von Usern und nun eben auch von Marken trifft auf ein limitiertes Zeitbudget bei den angepeilten Zielgruppen (via wuv.de)“.

Ja, aber wer hat denn bei Content Marketing behauptet, dass man Unmengen an Content braucht? Es geht doch vielmehr darum, auf den Kunden zuzugehen und zwar mit relevanten Informationen, die er benötigt, um beispielsweise ein Problem zu lösen oder eine Kaufentscheidung zu fällen.

Liebe Leser, die Digitalisierung ist überwältigend, schnell und unübersichtlich. Aber Modetrends sind es auch. Ernährungstrends sind es, ähnlich wie Elektroniktrends, Musik- und Lifestyle-Trends. Wer sich selbst nicht sicher ist, was zu ihm passt und was ihm gefällt, der wird untergehen und in 5 Jahren schamvoll auf die Mode-Desaster der Vergangenheit zurückblicken. Aber wer sich selbst sicher ist, was passt und wer auch aus vergangenen Erlebnissen schließen kann, was wahrscheinlich (nicht) funktioniert (für mich schließen sich beispielsweise ob meiner Blässe Pastelltöne aus), der lässt sich nicht überwältigen, sondern bewegt sich relativ sicher im Wirbelwind der Digitalisierung.

Sie brauchen ein Standbein für den digitalen Wirbelwind? Die ec4u berät Sie zu On- und Offline-Strategien und Marketing Excellence.

button hier mehr erfahren

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.