Kompass und eine offene Strasse

Wenn Studien, Politiker und Experten darüber reden, dass Unternehmen mit der Digitalisierung hinterherhinken, frage ich mich oft: was ist damit eigentlich gemeint? Wo beginnt und wo endet der digitale Wandel?

Zusammenfassung: Der digitale Wandel ist kein Prozess mit einem klaren Anfang und Ende, sondern ein kulturelles Umdenken, das kontinuierliche Innovationen, Anpassungen und Optimierungen mit sich bringt und seine Zeit braucht.

„Bei der Digitalisierung hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher“, stellt WELT-Redakteur Thomas Heuzeroth im Interview mit T-Systems-Chef Adel Al-Saleh fest. Adel Al-Saleh ist u.a. Ansprechpartner für E-Government und E-Health in Deutschland und kennt sich daher mit den digitalen Themen aus. Seine Einstellung zum „digitalen Deutschland“ ist jedoch weitaus weniger schwarz/weiß:

„Es stimmt, dass es Bereiche gibt, in denen Deutschland zurückliegt. (…) Aber es gibt auch Bereiche, wo Deutschland führt.“

Es gibt nicht die EINE Digitalisierung

Und genau da wird es spannend. Wenn wir vom digitalen Wandel sprechen, so müssen wir erst einmal klarstellen, dass der digitale Wandel für jedes Unternehmen anders aussieht. Bereits zur Cloud-Diskussion vor ca. fünf Jahren wurde vom „Hinterherhinken“ gesprochen, weil viele KMU noch keine Cloud-Pläne hatten. Dass nicht jedes Unternehmen einen Vorteil darin hat, in die Cloud zu gehen, wurde und wird dabei oft ignoriert.

Ebenso wird in der aktuellen Debatte ignoriert, dass ein frisch gegründetes Start-up ganz andere Bedingungen hat, um sich zu digitalisieren als ein alteingesessenes Unternehmen, das nicht mal eben neu anfangen kann, sondern eine komplexe Infrastruktur verknüpfen bzw. austauschen oder anpassen muss.

Der Wandel ist mühsam

Die sofortige, begeisterte und innovative Digitalisierung ist ein Ansatz, der auf TED-Talk-Bühnen, in den Wirtschaftsmagazinen und auf Social Media-Kanälen sehr oft gefeiert wird. In der Außenkommunikation ist jeder bereit für den Wandel und besitzt Entdeckergeist. Hauptsache disruptiv, innovativ, neu und digital, so muss man sich geben.

Doch in den Unternehmen selbst geht das nicht so einfach. Wer in seinem Unternehmen auch über einzelne Bereiche hinweg etwas (fort-) bewegen will, der muss jeden einzelnen Stakeholder ins Boot holen und erklären, welchen Mehrwert dieser Schritt ins Digitale hat. Das gilt für Vorstände, die IT, Legal, Finance, HR, Kollegen und Kunden gleichermaßen. Und das ist mühsam und braucht seine Zeit. Es ist mühsam, den Status quo zu prüfen. Es ist mühsam, neue Prozesse und Strategien zu entwickeln und überzeugend als Thema zu positionieren. Es ist mühsam, technologische Lösungen zu definieren, auszuwählen und zu implementieren. Es ist mühsam, neue Prozesse oder Technologien zu erlernen. Es ist mühsam, neue Konzepte und vielleicht sogar völlig neue Philosophien in den Köpfen der Kollegen und Partner zu „pflanzen“.

All das kostet Zeit, Ressourcen und sehr viel Geduld. Und nicht jede Branche und auch nicht jeder Unternehmensbereich freut sich über Veränderung bzw. kann diese mit offenen Armen Willkommen heißen.

E-Health: Technologische Möglichkeiten treffen auf rechtliche Grenzen

Nehmen wir einmal E-Health als Beispiel. Die Technologie ist im Grunde schon längst soweit, das zeigt insbesondere der B2C-App-Markt. Die Möglichkeiten sind quasi unendlich. Doch Life Science-Unternehmen können nicht einfach internationale Technologien anwenden, ohne zu prüfen, ob diese mit den nationalen Datenschutz- und anderen Gesetzen konform sind.

Wenn es um sensible Patientendaten geht, muss über viele verschiedene Systeme hinweg dafür gesorgt werden, dass der Datenschutz zu keiner Zeit gefährdet ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass viele Gesetze noch nicht ganz auf dem technologischen Stand von heute sind. Sprich, sie decken bestimmte Anwendungen nicht ausreichend (formuliert) ab.

Geht es um Patientendaten will niemand die Daumen drücken und das Beste hoffen. Es müssen konkrete Tatsachen geschafft werden, damit gehandelt werden kann. Wer will schon etliche Ressourcen in ein Digitalisierungsprojekt kippen und dann erfahren, dass es aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken doch nicht realisierbar ist?

Am Anfang steht der Bedarf, nicht die Digitalisierung

Wer schon einmal darüber nachgedacht hat, was er mit einem Lottogewinn machen würde, weiß sicher auch, dass die Wenigsten von uns erwarten, in nächster Zeit im Lotto zu gewinnen. Wenn jedoch über die Möglichkeiten des digitalen Wandels gesprochen wird, werden oft Innovationen und Technologien herangezogen, die selbst für Unternehmen wie Google oder Amazon herausfordernd sind.

Muss man wirklich schon von Augmented Reality reden, wenn der eigene Online-Shop noch nicht einmal in der Lage ist, Informationen über Produktbestände in Echtzeit zu liefern? Und wie sehr hilft der Traum von KI im Sales-Team, wenn dort jeder noch seine eigene Excel-Tabelle auf dem Laptop hat, um seine Leads zu kontrollieren, anstatt eine einheitliche Datenbasis?

Der digitale Wandel ist kein Rennauto. Er muss nicht von 0 auf 100 alles können und erreichen. Unternehmen müssen ihren eigenen Status quo sehr realistisch definieren (auch wenn das manchmal schmerzhaft sein kann), um dann im nächsten Schritt zu überlegen, was mit der Digitalisierung möglich ist. Und zwar möglich im Sinne von: umsetzbar.

Jede (digitale) Vision braucht ihre Bodenhaftung

Den großen Traum bzw. die Vision möchte ich hier übrigens niemandem absprechen. Ich halte es sogar für unbedingt notwendig, den digitalen Wandel nicht nur als reine Automatisierung von Prozessen zu verstehen, sondern als Umdenken bzw. Neudenken von bestehenden und potenziellen Geschäftsmodellen und -philosophien. Aber Visionen müssen als solche erkannt werden.

Eine Vision ist immer auch etwas, das nie wirklich mit Ausrufezeichen beendet und realisiert werden kann. Eine Vision begleitet Unternehmen und auch Menschen, um Prozesse, Strategien, Inhalte und Ideen zu optimieren. Googles mittlerweile leider gecancelte Vision „Don’t be evil“ ist kein Jahresziel gewesen, sondern etwas, das in den Köpfen aller Mitarbeiter hilft, ein übergreifendes Ziel vor Augen zu haben.

Eine Vision beantwortet die Frage: warum mache ich das? Aber sie kann nicht die Frage beantworten: „wie mache ich das?“

Wo hinken Unternehmen wirklich hinterher?

Und genau dieses „Wie“ ist das, woran viele Unternehmen scheitern. Oft liegt es daran, dass zu viel mit zu wenig erreicht werden soll. Kein Budget, keine Ressourcen, aber die digitale Transformation 2020? Für viele Verantwortliche ist das leider keine Überspitzung.

Auch das Sträuben vor neuen Ideen, vor Risiken, davor, Geld in die Hand zu nehmen oder Altes umzustoßen, um etwas zu wagen, kann die Digitalisierung hindern. Oft wird der generelle Vorteil der Digitalisierung, von Cloud, KI und Automatisierung sogar erkannt. Doch wenn es darum geht, dass mit diesen Vorteilen auch Veränderungen geschaffen werden müssen, etwa im Verständnis von Hierarchien, Management und Prozessen, möchte man lieber erst einmal vorsichtig sein. Die Digitalisierung darf gerne stattfinden, aber möglichst, ohne irgendetwas zu verändern. Das ist in etwa so, als müsse man einen voll besetzten Raum auf- und umräumen, ohne irgendwen zu stören.

Zu guter Letzt die wohl größte, dramatischste Hürde der Digitalisierung: die Entscheidung über alle Köpfe hinweg. Prozessen, Anforderungskatalogen und Strategien werden aus dem Elfenbeinturm heraus entwickelt, ganz ohne Mitarbeiter, Partner und Kunden zu fragen, was wirklich verbessert werden kann, was fehlt, wo es hakt. Kurzum: die Digitalisierung ohne die Menschen. Es gibt zu viele Beispiele, warum dieser Ansatz nicht nur dafür sorgt, dass die Digitalisierung hinkt, sondern stürzt, sich das Knie aufschürft und dann vom Spielplatz gehen muss.

  • Systeme, die sich nicht mit bestehenden Systemen verknüpfen lassen
  • Prozesse, die den Arbeitsalltag nicht erleichtern, sondern zusätzlich kompliziert gestalten
  • Kundenseitige Prozesse, die keinen Mehrwert bieten
  • Digitaler Ersatz für persönlichen Kontakt, an Touchpoints, wo persönlicher Kontakt notwendig und ausdrücklich erwünscht ist
  • Umständliche und schwer verständliche Prozesse, die den Arbeitsrhythmus stören
  • Unnötige Funktionen, die viel kosten, aber wenig genutzt werden
  • usw.

Und wann ist der digitale Wandel geschafft?

Wenn ich daran denke, wie meine Kollegin Sabine Kirchem vor Jahren einmal meinte, dass man irgendwann nicht mehr von Cloud Computing reden wird, weil alles cloudbasiert sein wird, so prophezeie ich, dass wir irgendwann auch das „digital“ vor dem Wandel verlieren werden. Den Wandel wird es immer geben. Digital ist er aktuell nur, weil digitale Technologien den Anstoß zur Veränderung geben, sei es durch automatisierte Kommunikation, KI, Smartphones oder Social Media.

Es gab Zeiten, da haben das Auto, das Telefon oder das Fernsehen für den Wandel gesorgt. Aber das Alles sind nur Technologien. Was sich wirklich ändert ist, wie Menschen mit und in ihr agieren, was sie erwarten und was sie verhindert. Das heißt aber auch, dass der digitale Wandel an und für sich kein konkretes Ziel hat, außer, das Leben irgendwie besser zu machen. Und dieses „irgendwie“ müssen die Unternehmen individuell für sich festlegen. Und das kann mannigfaltig aussehen.

Sollen Systeme verknüpft, Online-Auftritte etabliert, Apps entwickelt oder Daten via KI genutzt werden? Sollen neue Geschäftsmodelle entstehen? Soll die Unternehmensstruktur neu entwickelt werden? Soll das Branding mitwachsen oder sich verändern? Sollen Kunden darin gestärkt werden, sich selbstständig auf ihrer Reise zu bewegen? Soll die Kundenreise persönlicher gestaltet werden? All das sind individuelle Ziele im digitalen Wandel.

Der Wandel, der passiert, wie das Wetter, egal, ob man voranschreitet oder hinterherhinkt. Es kommt also darauf an, was man daraus macht.


Erfahren Sie, mit welchen Mitteln Sie eigene Ziele stecken können, die auf das Wohl Ihrer Mitarbeiter und Kunden einzahlen und in konkreten Actions münden.

Print Friendly, PDF & Email