Siegessaeule in Berlin

Als Wirtschaftsmacht ist Deutschland unumstritten, doch wenn es um den digitalen Fortschritt geht, macht sich das Land der Dichter und Denker eher in der Produktion als in der Innovation einen Namen. Hinkt Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern der Digitalisierung hinterher?

Die Nutzung digitaler Angebote der Behörden ist im Vergleich zu Vorjahren in Deutschland zurückgegangen. Schaut man sich die Schweiz oder Österreich an, so sieht es dort genau anders herum aus. Auf Twitter wird der inflationäre Gebrauch der Begriffe „KI“ und „Blockchain“ in der Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung belustigt kommentiert, während Themen wie Open Access, Netzneutralität und Open Data dort kaum Erwähnung finden. Und in einem aktuellen Reuters-Artikel berichtet ein Unternehmer, davon, wie schwer es ist, ein Unternehmen zu digitalisieren, wenn die Netzverbindung zu schwach ist. Ist es wirklich so schlecht um Deutschland als digitalen Innovator bestellt oder kämpfen wir hier aktuell eher mit einem schlechten Image?

Infrastruktur mit Luft nach oben

In einer Vergleichsstudie bezüglich schneller Internetverbindungen, durchgeführt von der OECD unter 34 industrialisierten Wirtschaftsländern landete Deutschland auf einem enttäuschenden 29. Platz. Während lange Zeit die Zurückhaltung der deutschen Unternehmen für die schleichende Digitalisierung verantwortlich gemacht wurde, stellt sich mittlerweile die Frage, ob dies nicht auch daran lag, dass das Internet im europäischen Vergleich einfach zu langsam ist.

Im Report „Europe’s Digital Progress“ sieht das Bandbreitenproblem schon sehr viel positiver aus als es allgemein von den Medien dargestellt wird. So ist die ländliche Netzabdeckung über dem europäischen Durchschnitt (49% vs. 40%) und im letzten Jahr um mehr als 13% gestiegen. Weniger gut schneidet Deutschland jedoch auch hier ab, wenn es um die Schnelligkeit des Netzes geht. In diesem Bereich ist Deutschland um 6% schlechter als der Durchschnitt. Hier zeigen sich die Folgen der zögerlichen Erweiterung der Netzabdeckung durch Glasfaserkabel. Kurzum: Deutschland ist vernetzt, aber die Verbindung ist zu langsam.

Auffallend ist zusätzlich, dass nur 73% der deutschen Haushalte ein mobiles Netz haben, während der EU-Durchschnitt bei 84% liegt. Da insbesondere das Mobile-Thema weltweit zu den mitunter wichtigsten Themen im Bereich Marketing, Vertrieb, Service und mehr zählt, ist es hier notwendig, die Tatsache zu berücksichtigen, dass immerhin mehr als ein Viertel aller deutschen Kunden unterwegs keinen Internetzugang hat.

Dies liegt sicher auch daran, dass die Kosten für mobiles Internet im europäischen Vergleich sehr hoch sind. Während man in Deutschland für 25€ insgesamt 15GB im Monat mobil verbrauchen kann, bekommt man in Irland für 30€ unbegrenzten Zugang, in Frankreich für 20€ großzügige 100GB und selbst in Österreich erhält man für 25€ immerhin das doppelte als in Deutschland mit 30GB (Quelle: Tagesschau).

Deutsche Internetnutzer sind enthusiastisch

Im DESI-Index (Digital Economy and Society Index) des Europe’s Digital Progress Reports liegt Deutschland insgesamt auf Platz 11 von 28. Dem Report zufolge sind die Deutschen gut in der Nutzung digitaler Anwendungen (Platz 7), es mangelt jedoch an ausreichend Fachpersonal im ICT-Bereich (Information and communication technology).

Während die deutsche Wirtschaft sich langsam aber sicher entwickelt und insbesondere der Online-Einkauf positiv von der Bevölkerung aufgenommen wird, ist die Nutzung behördlicher digitaler Anwendung so schlecht, dass Deutschland hier auf Platz 23 landet (zu diesem Thema haben wir übrigens bereits hier berichtet).

Das dies nicht an der Bevölkerung liegt, zeigt sich derweil daran, dass Deutsche überdurchschnittlich häufig im Internet einkaufen (88% vs. 66%) und damit europaweit auf Platz 3 liegen. Der deutsche Nutzer ist also offen für digitale Angebote, wenn es die Richtigen sind.

Die deutsche Wirtschaft hat digitale Stärken und Schwächen

Basierend auf einem Factsheet (PDF) der GTAI (Germany Trade & Invest), gehörte Deutschland 2017 zu den fünf größten ICT-Märkten der Welt, mit einem Umsatz von 160 Milliarden Euro. Insbesondere der Inlands-Verkauf sorgte dem im Factsheet zitierten European IT Observatory zufolge für diesen Wachstum. Daraus lässt sich im Grunde nur eines schlussfolgern: Deutsche Unternehmen sind dabei, in digitale Technologien zu investieren, um sich selbst zu digitalisieren.

Mehr noch, im FinTech-Markt gehört der GTAI zufolge Deutschland zu den vierstärksten Ländern weltweit. In den letzten Jahren wurden allein circa 700 Unternehmen im Bereich Finanzen gegründet, insbesondere in Berlin und Frankfurt, während München und Köln im Bereich Versicherungen punkten.

McKinsey schreibt im Artikel „Driving German Competitiveness in the Digital Future“ (PDF), dass die deutsche Wirtschaft zu den stärksten weltweit gehört, jedoch gerade im digitalen Sektor Aufholbedarf hat. Dieser, so McKinsey, sei jedoch schnell umzusetzen, da Deutschland bereits „viele der notwendigen Schritte unternommen hat, um sich zu digitalisieren und darüber hinaus die Ressourcen dafür vorhanden sind.“

Gerade im Bereich Künstliche Intelligenz liegt Deutschland (bzw. Europa) hinter Ländern wie China oder Nordamerika. Auch fehle es in Deutschland an starken, einflussreichen kundenorientierten Unternehmen und Online-Plattformen, um mit Anbietern wie Apple, Alphabet oder Alibaba mithalten zu können. Daher sei der Anteil der digitalen Services, die von deutschen Unternehmen angeboten werden, eher gering.

Spannend ist McKinseys Aussage dahingehend, da Deutschland in der Produktion und in traditionellen Servicebranchen anderen Berichten zufolge stark aufgestellt ist. Sprich, die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle ist weniger das Problem als das Entwickeln neuer, rein digitaler Plattformen. „Unternehmen müssen mutiger sein, wenn es um die digitale Transformation geht und neue Geschäftsmodelle entwickeln, um damit neue Märkte zu bespielen.“

KMU gehören weiterhin zu den Problemkindern der Digitalisierung

Interessant ist derweil, dass dem Europe’s Digital Progress Report zufolge insbesondere mittelständische Unternehmen (10-249 Mitarbeiter) Probleme mit der Digitalisierung haben. Große und auch kleine Unternehmen seien dabei besser aufgestellt. Für den Mittelstand fehlt derweil oft eine Strategie. Der Report hebt insbesondere Life Sciences und bestimmte Produktionsbereiche hervor. Im KfW-Report „Digitalisation in German SMEs: state of implementation and investment“ (PDF) zeigt sich jedoch, dass auch kleine Unternehmen zurückhaltend mit digitalen Projekten sind. Dem Report zufolge setzt eins von vier KMU erfolgreich ein Digitalisierungsprojekt um. Ein Grund für diese Dissonanz der Report-Ergebnisse könnte darin liegen, dass kleine Start-up-Unternehmen sich hier durch digitale Projekte hervorheben, während „klassische“ kleine Unternehmen zusammen mit den mittelständischen Unternehmen als KMU höhere Hürden haben, bestehende Infrastrukturen und Geschäftsmodelle „umzusatteln“.

Dem Fraunhofer Institut zufolge, gehörte Deutschland 2017 zwar zu den mitunter innovativsten Ländern weltweit (basierend auf dem Innovation Indicator), jedoch war der Abstand zu den Marktführern (in diesem Fall Schweiz, Singapur und Belgien) sehr groß. Insbesondere im Bereich Digitalisierung sei Deutschland sogar viel weiter hinten (Industrie: Platz 12; Bildung: Platz 17; Recherche/Technologie: Platz 16).

Auch das Fraunhofer Institut sieht den mitunter größten Nachholbedarf im Bereich der KMU, insbesondere im Bereich Weiterbildung und Datenschutz. Positiv hob das Institut jedoch die Akzeptanz digitaler Anwendungen in der Bevölkerung hervor. Hier haben Unternehmen im Grunde den eher seltenen Vorteil, dass die potenziellen Nutzer durch den anderweitigen Gebrauch bereits mit digitalen Anwendungen vertraut sind und daher digitale Angebote schneller adaptieren, solange diese auch einen deutlichen Mehrwert mit sich bringen.

Auch in den Unternehmen könnte die Digitalisierung entsprechend einfacher implementiert werden, da Mitarbeiter bereits im Privatleben die Vorzüge digitaler Anwendungen kennengelernt haben und sich über den Mehrwert bewusst sind (mehr dazu hier).

Key Take-Aways

  • Grundsätzlich geht es der deutschen Industrie nicht schlecht, wenn es um die Digitalisierung geht. Allerdings sind Start-ups und große Unternehmen besser aufgestellt als KMU. Hier gilt es, die Gründe dafür zu finden (und nicht nur bei den Unternehmen zu suchen) und konstruktiv auf KMU zuzugehen.
  • Die deutsche Bevölkerung nutzt insbesondere im Privaten gerne digitale Anwendungen und ist gut vernetzt. Lediglich die Geschwindigkeit der Netzwerke sowie die mobile Nutzung von Internetangeboten ist im EU-Vergleich unterdurchschnittlich, was jedoch eher am Preis/Leistungsverhältnis liegt als an den Nutzern.
  • Deutsche Behörden hinken anderen EU-Ländern eindeutig hinterher, sei es im Angebot digitaler Services als auch in der Akzeptanz und Nutzung der Bevölkerung.
  • Die Digitalisierung in Deutschland hängt auch stark von den Branchen ab. Insbesondere im Bereich Life Sciences und Produktionsindustrien gibt es Nachholbedarf. Strengere Regularien bezüglich des Einsatzes digitaler Anwendungen bzw. der Automatisierung sowie höhere Hürden in der Nutzerakzeptanz sind dabei nachvollziehbare Gründe für eine langsamere Transformation.
  • Deutsche Unternehmen müssen nicht nur bestehende Geschäftsmodelle und Services digitalisieren. Sie müssen auch neue Plattformen, Services und Modelle entwickeln, um sich mit starken internationalen Big Playern zu messen, die heutzutage vornehmlich digitale Produkte und Services anbieten (Apple, Alphabet, Alibaba). Die Ressourcen und Grundlagen dafür sind vorhanden.

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