Wiener Neubauten

In Deutschland gilt das Digitalisierungsprogramm Österreichs als Vorbild. In Österreich selbst wünscht man sich mehr Bewegung. Doch was genau stimmt nun?

Hinkt Österreich hinterher?

Microsoft Österreich-Chefin Dorothee Ritz hat sich im August 2018 beim Forum Alpbach klar geäußert: „Österreich hinkt hinterher“, erklärte sie im Gespräch und erläuterte die drei Hauptgründe:

  1. Es fehlt die Digitalisierungsstrategie
  2. Digitalisierung wird oft nur aus Kostengründen zur Ersparnis eingesetzt
  3. Es braucht gutes Leadership, um alle Stakeholder mitzunehmen

Beim europäischen Digitalgipfel im Februar dieses Jahres, organisiert vom Vodafone Institut, klangen jedoch schon wieder ganz andere Töne. Dort stellte die österreichische Ministerin für Wirtschaft und Digitalisierung, Margarete Schambröck, die österreichische Digitalisierungsstrategie als Vorbild für Deutschland vor. Und auch in vielen Vergleichsstudien zeigt sich oftmals, dass Österreich gegenüber seinen DACH-Kollegen die Nase vorn hat.

Der DESI-Index für Österreich

Beim DESI Index (Digital Economy and Society Index) aus dem Jahr 2018 belegte Österreich einen Platz im vorderen Mittelfeld im europäischen Raum. Im Vergleich zum Vorjahr rutschte es zwar einen Platz zurück, bleibt jedoch damit weiterhin im oberen Drittel (im offiziellen Bericht, PDF hier, wird dies übrigens falsch dargestellt).

2017 waren 82% aller Einwohner Internetnutzer, mittlerweile sind es 85%. Auch bei digitalen Grundkompetenzen gab es ein Wachstum von 2%. Lediglich bei den MINT-Abschlüssen (also bei der erfolgreichen Ausbildung von Fachkräften) gab es einen leichten Einbruch von 0,9% (22,1% vs. 23% im Vorjahr). Für viele Unternehmen ist die digitale Transformation nicht zuletzt durch mangelndes Know-how bei den Mitarbeitern eine Herausforderung, weshalb diese Tendenz eher kritisch zu betrachten ist.

Videoanrufe sind beliebter denn je

Besonders spannend: die Kommunikationskanäle der österreichischen Nutzer haben sich innerhalb von einem Jahr maßgeblich weiterentwickelt. Während Online-Shopping und Banking ein moderates Wachstum von je 2% hatten, wuchs die Nutzung von Videoanrufen um 10% (von 32% auf 42%).

Für Unternehmen bedeutet dies: achten Sie darauf, wie Kunden mit Ihnen kommunizieren wollen und richten Sie Ihre Kanäle darauf ein. Auch die interne Nutzung von Video-Meetings sollte dabei nicht ignoriert werden, so spart dies nicht nur Reisekosten, sondern ermöglicht auch flexiblere Terminabsprachen.

Gemäßigter Wachstum

Kritisch kann man derweil die Wachstumshöhe in vielen Bereichen betrachten. So gibt es kaum Bereiche, in denen die Nutzung, Adaption oder Implementation um mehr als 2-3% gewachsen ist. Mit forschen Schritten bewegen sich hier also (mit wenigen Ausnahmen) weder die Kunden bzw. Nutzer noch die Unternehmen. Hier kann man sehr wohl gespannt sein, wie sich die Zukunft entwickeln wird und ob es weiterhin konsistente, aber mäßige Entwicklungen gibt, oder ob Österreich eine „Sturm & Drang“-Phase erwartet. Gerade im Bereich KI hat sich Österreich beispielsweise einer aktuellen Studie zufolge schon äußerst motiviert gezeigt.

Behörden sind vorbildlich digitalisiert

Zusammengefasst zeichnet sich Österreich insbesondere durch die digitale Verwaltung (Bürgerdienste) aus, was wiederum dafür sorgt, dass die Privatnutzer sehr engagiert mit neuen Technologien umgehen. Logisch wäre es dementsprechend, dass es einfacher für Unternehmen wird, digitale Anwendungen sowohl für Kunden als auch Mitarbeiter einzuführen, wobei letztere oftmals paradoxerweise zurückhaltender reagieren. Das könnte jedoch auch an einem mangelnden Change Management liegen (mehr dazu hier).

Mitarbeiter halten sich zurück

So hat eine Studie von SD Worx Austria ergeben, dass Mitarbeiter eher selten digitale Anwendungen nutzen wollen oder können, um HR-Themen zu bearbeiten. Österreichische Arbeitnehmer haben der Studie zufolge in großen Teilen gar keinen Bedarf, HR-Prozesse digital, etwa via Smartphone, abzuwickeln. Ob es daran liegt, dass es keine guten Angebote gibt oder diese keine deutlichen Mehrwerte für die Mitarbeiter liefern, blieb in der Studie leider offen.

Unterm Strich: Stück für Stück zum digitalen Glück

Natürlich lässt sich ein Digitalisierungsgrad nie übergreifend für alle Branchen, Unternehmen und Märkte messen. Es wird immer Bereiche geben, die besser digitalisiert sind, weil es beispielsweise weniger Hürden (Compliance & Datenschutz) oder größere Mehrwerte (Kostenersparnis & Effizienz) gibt.

Auch gibt es Industrien, in denen es logisch ist, sich schnell den modernen Technologien anzupassen, während andere Märkte nicht zuletzt durch die Kundenbedürfnisse (noch) keinen starken Bedarf haben. Solange der Kundenstamm noch mit dem Fax kommuniziert, muss vielleicht nicht sofort der Videochat eingeführt werden. Wenn Mitarbeiter und Kunden grundsätzlich schon digital versierter sind, lassen sich neue Anwendungen viel schneller in den Arbeitsalltag integrieren. Für jedes Unternehmen ist es daher wichtig, einerseits auf den eigenen Markt, die eigenen Kunden und die individuellen Bedürfnisse einzugehen.

  • Was können/müssen wir verbessern?
  • Wie können uns digitale Lösungen dabei unterstützen?
  • In welchem Bereich können wir mit wenig Risiko die größten Vorteile erringen?

Andererseits lohnt sich immer auch ein Blick auf „Frontrunner“ über Branchengrenzen hinweg.

  • Wie lösen andere Unternehmen Kundenprobleme?
  • Wie gestalten sie Kundenreisen?

In Zeiten disruptiver Geschäftsmodelle kann es das Zünglein an der Waage sein, als erstes Unternehmen in der eigenen Branche einen Mehrwert im Erlebnis zu bieten, indem man Technologien und Methoden anwendet, die es sonst zuvor nicht gab.

Die Digitalisierung ist kein Sprint, sondern ein Staffellauf, der Weitsicht und viel Teamgeist erfordert. Wichtig ist dabei, dass Sie alle Stakeholder mitnehmen und Strategien interdisziplinär ausarbeiten, um langfristige Erfolge zu erzielen. Erfahren Sie mehr über die methodischen Ansätze in unserem Factsheet zum Thema Innovativen Center.

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