Digitales Netz

Zum Jahresende wird es wieder spannend, wenn die großen Analystenhäuser ihre Prognosen für das kommende Jahr veröffentlichen. Was sind Gartners strategisch wichtige Technologie-Trends für das nächste Jahr? Wir werfen einen (kritischen) Blick drauf.

Für Gartner gibt es neun Trends, die 2021 Grundlage für die Geschäftsstrategie vieler Unternehmen sein werden. Alle Trends stehen dabei im Kontext von drei Kernthemen, die teilweise mit der aktuellen Pandemie und der dadurch beschleunigten digitalen Transformation zu tun haben:

  • Der Mensch steht im Mittelpunkt aller Geschäftsentscheidungen.
  • Das „Wo“ spielt kaum noch eine Rolle, wenn immer mehr Tätigkeiten ortsunabhängig möglich sind.
  • Durchhaltevermögen zahlt sich aus, aber nur, wenn es auf Anpassungsfähigkeit beruht.

Doch nun nicht lang gefackelt, wie steht es um die Trends?

Internet of Behaviors

Eines der spannendsten und zugleich beunruhigendsten Konzepte ist das sogenannte „IoB“. Das beschreibt die Nutzung von Daten, um Verhaltensweisen zu verändern. Im positiven Sinne kann das beispielsweise ein sichereres Fahren durch smarte Auto-Assistenten sein, die Feedback zur Fahrweise geben. Gerade im Gesundheitswesen, aber auch im Bereich Sicherheit und Produktion lassen sich hier zahlreiche Möglichkeiten ausschöpfen, Verletzungen reduzieren und Risiken vermindern.

Im negativen Sinn kann dies aber auch Dinge beinhalten, die weniger positive Auswirkungen haben, etwa der Leistungsdruck durch ständige Vergleiche mit erfolgreichen Social Media-Profilen, Fitness-Trainern und Werbeanzeigen. Darauf geht Gartner zwar nicht ganz so intensiv ein wie auf die positiven Aspekte, doch beim verantwortungsvollen Umgang mit Kundendaten, Tracking und den technologischen Möglichkeiten dürfen die möglichen negativen Konsequenzen nicht ignoriert werden und müssen ganz wie beim „Privacy by Design„-Konzept von Anfang an mitgedacht werden.

Total Experience

Die „Total Experience“ ist quasi der Omni-Channel des Experience Management, sei es für Kunden, Nutzer, Mitarbeiter, etc. Wie Prozesse und Technologien so gestaltet werden können, dass das Nutzungserlebnis für alle Nutzer positiv ausfällt, wird eine große Herausforderung – mit großen Gewinnen. Je angenehmer sich beispielsweise CRM-Systeme bedienen lassen, desto eher werden diese von Mitarbeitern genutzt und desto besser können Kundenerlebnisse verfolgt und optimiert werden.

Zusätzlich lässt dieser 360°-Blick auf alle Erlebnisse zu, positive oder negative Hebelwirkungen frühzeitig zu erkennen. Was bedeutet es beispielsweise für Kunden, wenn Call Center-Agents aktuell von zuhause aus arbeiten? Ergeben sich dadurch Nachteile oder lassen sich sogar positive Nebeneffekte identifizieren?

Privacy-enhancing Computation

Mit den zahlreichen Möglichkeiten, Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen und durch Datenanwendungen sogar das Verhalten zu beeinflussen, steigt der Bedarf an Methoden, um die Privatsphäre jedes einzelnen Nutzers zu gewähren.

Gartner versteht unter Privacy-enhancing Computation drei Technologien:

  • eine sichere Plattform/Umgebung zur Verarbeitung der Daten,
  • eine dezentralisierte Datenverarbeitung,
  • und eine Verschlüsselung der Daten- und Algorithmen vor der Verarbeitung.

Dadurch können Daten Gartner zufolge auch überregional verarbeitet werden, ohne dass die Vertraulichkeit beeinträchtigt wird.

Distributed Cloud

Die „verteilte“ Cloud von Cloud-Services auf unterschiedlichen Servern soll potenzielle Kosten- und Leistungsfaktoren positiv beeinflussen. So sind physisch nähere Cloud-Server oft etwas schneller, andere Server-Standorte mögen derweil günstiger sein. Wiederum andere Server-Standorte sind notwendig, um Datenschutzgesetze einzuhalten (z.B. DSGVO). Während der Cloud-Standort bislang vorwiegend aus genau diesen Datenschutzgründen notwendig war, wird es spannend zu sehen, ob sich auch andere Vorteile ergeben und Nutzer zukünftig entscheiden können „woher“ ihre Cloud-Leistung kommt.

Anywhere Operations

Das „Anywhere Operations“-Modell ist im Grunde in vielen Bereichen schon längst Alltag, wird aber besonders in manchen Branchen zukünftig notwendig und potenziell disruptiv einwirken. Das Modell selbst beschreibt Unternehmen, die ihre Services quasi 100 % digital anbieten (können). Das muss nicht heißen, dass sie nicht auch stationäre Standorte haben, aber dass Kunden und Nutzer alle Prozesse ohne eine analoge Interaktion durchführen können.

Gartner nennt hier als Beispiel die Finanzbranche. Ich persönlich sehe hier auch einen dringenden Bedarf bei Behörden, die insbesondere in Deutschland den digitalen Angeboten fast aller kommerziellen Unternehmen hinterherhinken.

Cybersecurity Mesh

Die Firewall ist Out, das Cybersecurity Mesh ist In? Gartner zufolge ist die klassische „Walled City“ nicht mehr zeitgemäß, um Schutz und eine freie Internetnutzung zu gewährleisten. Nicht zuletzt, weil die Verwendung und Verknüpfung von Online- und Offline-Elementen immer mehr verschwimmt. Daher braucht es modulare, responsive Sicherheitsanwendungen, die sehr viel granularer darauf achten, wer oder was „durch“ darf.

Intelligent Composable Business

Was Gartner hier so umständlich benennt, kann wohl am ehesten als „agiles Unternehmen“ bezeichnet werden, das genau die richtige Balance struktureller und technologisch fortschrittlicher Anwendungen und Methoden in sich kombiniert, um unglaublich wandelbar und flexibel auf jede Marktveränderung zu reagieren. Dazu gehören

  • hohe Automatisierungsgrade, die sich leicht anpassen lassen,
  • smarte Daten, die frühzeitig Veränderungen identifizieren
  • und zusätzlich Organisationsmodelle, die Flaschenhälse und lange Entscheidungsketten eliminieren, um so auch wirklich operativ flexibel zu sein.

AI Engineering

Ganz spannend ist, dass Gartner für 2021 empfiehlt, eigene AI-Ressourcen konkret in die Unternehmensstrategie einzubinden. In Form von AI Engineering sollen Performance, Skalierbarkeit, Zuverlässigkeit und Deutbarkeit von AI-Modellen dabei helfen, sinnvoll in AI-Projekte zu investieren, die sich auch für das Unternehmen lohnen.

Noch vor ein paar Jahren wurde Unternehmen geraten, sich auf Dienstleister zu verlassen, wenn es nicht bereits AI-Kenntnisse im Unternehmen gab. Mittlerweile scheint gerade die vielfältige Einsatzmöglichkeit es nötig zu machen, sich genauer mit klaren Einsatzgebieten auseinanderzusetzen, um Budgets und Ressourcen effektiv einzusetzen.

Zusätzlich, so Gartner, können AI-Projekte dabei in die alltäglichen DevOps-Prozesse eingebunden werden und werden nicht mehr als isolierte Projekte behandelt (was oft die langfristige Anwendbarkeit reduziert).

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Hyperautomation

Alles kann, nichts muss? Wenn es nach Gartner geht, ist es bei Automation genau umgekehrt: alles, was automatisiert werden kann, sollte auch automatisiert werden. Dadurch, so Gartner, lassen sich Prozesse miteinander verknüpfen und einheitlicher gestalten. Zusätzlich sei das „Streamlinen“ günstiger und würde diverse Risiken vermeiden.

Das ist leicht gesagt und kann unter Umständen sogar falsch interpretiert werden. Denn die Automatisierung von Prozessen ist nicht automatisch die Verknüpfung automatisierter Prozesse. Schon jetzt nutzen Unternehmen zahlreiche, unterschiedliche Anwendungen, um Prozesse zu automatisieren. Bleiben diese jedoch isoliert voneinander, ist zwar viel automatisiert, doch die Silos bestehen weiterhin – nur digital.

Ich persönlich würde daher lieber auf Hyper-API umsteigen, also der Verknüpfung von Prozessen, Plattformen und Systemen, um so den Datenfluss zu gewährleisten, Prozesse und Systeme aufeinander abzustimmen und dadurch auch Unternehmensbereiche miteinander zu verknüpfen. Ein positiver Nebeneffekt: die Verknüpfung von Plattformen und Systemen erfordert zwangsläufig eine Standardisierung in Taxonomien, Datenformen und Grundlagen und hilft damit auch dabei, dass alles sauberer strukturiert ist und sich Fachbereiche besser untereinander austauschen können.

Fazit: Alles kommt zusammen

Unter dem Schlussstrich wird alles verknüpfter, holistischer und gleichzeitig vielfältiger. Das „Mesh“, also „feine Netz“, das im Datenschutzbereich von Gartner prognostiziert wird, kann entsprechend auch auf alle anderen Unternehmens- und Geschäftsbereiche gelegt werden. Es beschreibt perfekt die einerseits standardisierte und einheitliche Datenbasis, auf der alle Prozesse aufbauen und berücksichtigt zugleich die vielen verschiedenen Anwendungsbereiche, Anforderungen und Informationen, die in einem Unternehmen nebeneinander und miteinander existieren und funktionieren müssen.

Das zu implementieren ist derweil ein Unterfangen, das nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Viele Variablen müssen bereits in der Planung mitgedacht werden (Datenschutz, Experience, AI) und können an der ein oder anderen Stelle auch widersprüchlich wirken. Daher sind agile Projektmethoden zur Umsetzung von Gartners Trendthemen höchstwahrscheinlich der sicherste Weg, um flexibel und trotzdem mit Blick auf die Ziele (und Rahmenbedingungen) vorzugehen. Dabei darf nie vergessen werden: der Mensch steht im Mittelpunkt jedes Business.

Wer seine Kunden, aber auch Mitarbeiter und andere Stakeholder nicht von Anfang an mitdenkt und einbezieht, verliert gerade bei groß angelegten Digitalisierungsprojekten gerne mal die Übersicht. Daher ist das Thema Change Management ein notwendiger Begleiter.


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