Person tippt auf Keyboard mit Social Media Pop-ups

Social Media ist längst im Business angekommen und zwar nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Privatperson im Berufsalltag. Warum sich das Pflegen nicht nur des eigenen Profils, sondern auch des Netzwerks lohnt, erläutert Social Media-Influencer Cyrill Luchsinger im Interview.

Am 23. Mai 2019 fand erstmalig die virtuelle Konferenz Digital Thoughts statt. Im Rahmen dessen hat Sabine Kirchem, Senior Manager Corporate Communications bei der ec4u, Interviews mit Führungskräften aus Marketing, Sales, Service und IT geführt und sie zu Themen der Digitalisierung befragt. 

Wir bewegen uns in diesen Medien und machen ein Wissensmanagement, das früher gar nicht möglich gewesen wäre.

Sabine Kirchem (SK): Social Media, das ist doch vorwiegend Chatten mit Freunden und Urlaubsbilder posten, oder?

Cyrill Luchsinger (CL): Auf LinkedIn nehme ich das ganz anders wahr, da hat es eine sehr hohe Business-Relevanz. Ich beschäftige mich dort mit der digitalen Transformation, mit Innovation, mit Kundenzentrierung und gebe da auch meine Erfahrungen weiter. Ich tausche mich mit der Community aus, teile Insights und bekomme sehr viele Anregungen zurück.

Wir bewegen uns in diesen Medien und machen ein Wissensmanagement, das früher gar nicht möglich gewesen wäre. Ich kann mit Professoren, anderen Experten oder Interessierten über Inhalte und Publikationen reden, oder ich lese bereits einen Tag später Erfahrungsberichte über einen Kongress in Berlin, das ist genial.

SK: Du arbeitest ja in der Schweiz, aber hast natürlich auch deutsche Kontakte, gibt es da in den Interaktionen kulturelle Unterschiede?

CL: Ja, da ist man in Deutschland gefühlt offener in der Nutzung der Interaktionsfunktionen. Manchmal muss man einfach für einen Sachverhalt einstehen, wenn man interagiert. Man muss zu seiner Meinung stehen.

Wenn ich etwas like, kommentiere oder teile, dann ist das ja auch relevant bezüglich meiner Meinung zu dem Sachverhalt. Die Schweizer sind da noch eher zurückhaltend. Rund ein Drittel meiner Follower kommen aus Deutschland und da gibt es bei einzelnen Themen schon mal mehr Interaktion als mit der übrigen Schweiz.

SK: Gibt es auch Themen, bei denen die Community sich lieber zurückhält?

CL: Wenn ich etwas über Datensicherheit, Small Data, Big Data schreibe, dann gibt es sehr viel weniger Reichweite und Reaktionen. Entweder da haben die Leute genug von oder sie fühlen sich ausgeliefert. Ich merke oft, dass da kein Interesse vorhanden ist, dabei geht es ja uns alle an.

Es muss eine klare Absicht erkennbar sein, auch wenn ich etwas verkaufen will.

SK: Wenn ich jetzt auf LinkedIn durchstarten will, wie gehe ich denn da vor, wie kann ich mich positionieren?

CL: Die Frage ist immer, welche Erwartungen man hat. Was will man damit bezwecken und wie viel Zeit will man investieren? Es muss eine klare Absicht erkennbar sein, auch wenn ich etwas verkaufen will. Das ist ja völlig in Ordnung, aber das sollte dann schon konkret sein.

Wenn man sich selbst durch den Feed scrollt, entscheidet man für gewöhnlich in zwei, drei  Sekunden, ob ein Thema interessiert oder nicht. Und wenn man dann noch einen zusätzlichen Link anklicken muss, ist das eine weitere Hürde. Eigentlich ist man immer an den Breaking News interessiert. Gleichzeitig läuft das Ganze sehr viel menschlicher und emotionaler ab, als es der Umstand eines digitalen Mediums vermuten lässt Man muss Sachen auf den Punkt bringen, egal, ob die jetzt fachlich oder kommerziell sind. Es muss klar erkennbar sein: Wer bin ich, was will ich, was ist zu tun?


Erfahren Sie mehr zu den ersten Schritten im Social Selling in unserem Blogbeitrag.


Die Diskussion über den Algorithmus hat für mich kaum Relevanz.

SK: Gibt es ein Erfolgsrezept für Posts mit viel Reichweite und vielen Interaktionen?

CL: Es gibt so viele Fragen und ich höre viel über den Algorithmus, ehrlich gesagt, kann ich die Logik dahinter zwar nachvollziehen, aber der Algorithmus bleibt für mich im Alltag undurchschaubar. Die Diskussion über den Algorithmus hat für mich aber kaum Relevanz. Ich schreibe ja nicht für den Algorithmus. Ich will ja in erster Linie über meinen Content wahrgenommen werden.

Wenn ich mich frage, ob abends oder morgens gepostet werden soll, überlege ich mir, wann sich die Leute mit meinen – also eher konzeptionellen – Themen auseinandersetzen wollen würden. Sind das Themen für das Smartphone – das ja eher morgens gezückt wird – oder eher für abends, wenn die Leute mehrheitlich am Desktop sitzen? Man muss sich in seine Zielgruppe einfühlen.

Vor allem aber muss man es machen. Und wenn es dann nicht funktioniert, dann muss man es einfach anpassen und nochmal versuchen. LinkedIn lebt auch von dieser Präsenz, dieser Gegenwart, dem Authentischen. Es muss nicht immer alles perfekt sein, wie bei einer Zeitschrift.

SK: Stichwort „Authentisch“: ist LinkedIn eher etwas für einzelne Privatpersonen oder auch für Unternehmen bzw. Menschen, die für Unternehmen stehen? Gibt es da Unterschiede?

CL: Da gibt es natürlich Unterschiede. Ein Unternehmen hat Mitarbeiter, Kunden, Aktionäre und weitere wichtige Stakeholder, da ist die Kommunikation sehr viel anspruchsvoller. Man ist weniger frei in dem, was man kommuniziert und die Relevanz ist viel höher. Als Privatperson, z.B. als Themeninfluencer, kann man auch mal eine gewagte These ins Netz stellen, unverkrampfter in den Dialog gehen und dazu lernen.

Was aber für beide gilt: „Storytelling“.  Sowohl als Unternehmen als auch Privatperson musst Du Deine Überlegungen, Beobachtungen oder Absichten in Geschichten verpacken können. Einfach Sachverhalte oder Fakten über LinkedIn zu verbreiten, bringt wenig. Viele Unternehmen sind diesbezüglich noch mit angezogener Handbremse unterwegs und betreiben eine Art Verlautbarungsjournalismus. Da werden kritische Kommentare oft auch völlig überbewertet und die Chance zum echten Dialog kaum genutzt. Ich habe eine einfache Grundregel: Ich publiziere das, was ich argumentieren und wozu ich stehen kann.

SK: Gibt es denn auch Positivbeispiele?

CL: In der Schweiz gibt es die Swiss International Air Lines, die machen das sehr gut. Die haben auch lustige Posts, die stellen Leute vor, die hinter den Kulissen arbeiten, das lebt. Und das sieht man auch, denn die haben oft hunderte Likes.

SK: Wenn man jetzt als Privatperson auf LinkedIn postet, was denkst Du, wie persönlich man da sein kann bzw. sein soll?

CL: Das ist eine Frage, die lässt sich so nicht allgemein beantworten, denn das hängt von der Person ab. Also: passt das wirklich zu der Person? Wenn ich beispielsweise über meine anderen Interessen kommuniziere – etwa über meine zweite Wahlheimat Kapstadt in Südafrika – dann funktioniert das überhaupt nicht. Daran erkenne ich, dass die Leute bei meinem Namen offensichtlich etwas erwarten, das einen Bezug zu Customer Centricity hat.

Die schweigende Mehrheit ist sehr groß.

SK: Was würdest Du Anfängern mitgeben?

CL: Die schweigende Mehrheit ist sehr groß. Davon sollte man sich nicht irritieren lassen. Von Social Media-Experten habe ich gehört, dass neun von zehn Leuten gar nicht reagieren. Das sind „Schweiger“, die wie bei der Muppet-Show hinten sitzen und alles beobachten.

Manchmal ist das aber auch amüsant. Da kommt dann jemand auf mich zu, den ich seit Monaten nicht gesehen habe und sagt: „Super Dinge, die Du da schreibst“. Online habe ich von dieser Person noch nie was gehört und bin dann völlig erstaunt, dass sie meine Artikel kennt und meine Aktivitäten verfolgt. Das muss man aber auch akzeptieren, dass die Leute da unterschiedlich sind.

Man sollte sich nicht zum Ziel setzen, möglichst schnell 3000 oder 4000 Follower zu kriegen. Es geht ja um den Dialog und den Austausch. Und nicht jede Woche ist das Thema relevant für die Follower. Ich habe zum Beispiel viele Studenten unter den Followern, die was für ihre Praxisberichte suchen. Sobald da eine Klausur vorbei ist, höre ich erstmal nichts und dann arbeiten sie plötzlich irgendwo in einem Unternehmen und interessieren sich wieder für die Themen.

Hier denkt man immer noch, Social Media ist für die Jugendlichen.

SK: Denkst Du, dass wir von amerikanischen Vorbildern lernen können bzw. kann der DACH-Raum im internationalen Vergleich noch dazu lernen?

CL: Ich habe gehört, dass in Silicon Valley jeder CEO im Schnitt zwei Stunden täglich in den sozialen Medien unterwegs ist, hauptsächlich auf LinkedIn. Dort findet über Social Media die Informationsbeschaffung, der wesentliche Austausch statt.

Auch Rekrutierungsprozesse finden über LinkedIn statt. Das ist in Europa noch gar nicht angekommen. Hier denkt man immer noch, Social Media ist für die Jugendlichen. Aber dass diese Jugendlichen in fünf bis zehn Jahren die Hauptkundschaft der Unternehmen sein werden, darüber denkt man nicht nach. Da kann man nicht erst in fünf oder sechs Jahren mit Social Media anfangen, denn es braucht auch Erfahrung.

SK: Also glaubst Du, dass die Unternehmen auch in Social Media reinhören sollten?

CL: Auf jeden Fall. Noch sind viele Unternehmen so aufgestellt, dass niemand wirklich dafür zuständig ist. Aber es gehört zur Marktforschung dazu, zumal man auch Themen mitsteuern kann, wenn man weiß, dass sie aktuell sind bzw. wenn man sich genauer mit ihnen beschäftigt.

SK: Gibt es einen Unterschied zwischen B2B- und B2C-Unternehmen?

CL: Im B2B-Umfeld hat man sogar einen Vorteil, weil man eine Nähe erzeugen kann, die man so sonst nicht hat. Bei B2B-Kunden ist man vielleicht zwei oder drei Mal im Jahr als Verkaufsvertreter und oft ist es schwierig, den richtigen Ansprechpartner zu finden.

Über Social Media kann man immer wieder die Vorteile aufzeigen. Das ist nicht von heute auf morgen messbar, aber wenn man glaubwürdig ist, klappt das schon. Sehr viel mehr sogar, denke ich, als klassische Newsletter oder andere Publikationen – von wem werden die in B2B-Unternehmen gelesen? Auf LinkedIn hat man adressierte Kommunikation zum Nulltarif.

SK: Du hast ja schon von Verantwortlichkeiten gesprochen. Wenn ein Unternehmen Social Media so für sich nutzen will, dass also auch die Mitarbeiter als Privatpersonen LinkedIn nutzen, was muss da beachtet werden?

CL: Das sollten wirklich Leute machen, die es gerne machen. Und es sollten hier auch keine riesengroßen Konzepte geschrieben werden. Man soll sich einfach drei bis vier Leute nehmen, die Lust darauf haben und das mit denen über drei, vier Monate austesten. Dann kann man danach Gespräche führen und das Ganze Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Wenn man das mit Leuten macht, die das gerne machen, dann sind das auch Botschafter für das Unternehmen. Wenn man da Leute zwingt, dann sind die frustriert, machen das nicht oder man hört die Frustration heraus. Und natürlich sollte das gemessen werden, wenn es aus dem Unternehmen heraus geschieht. Aber neben den Zahlen sollten auch die qualitativen Aspekte bewertet werden. Wenn beispielsweise ein Hauptkunde schreibt, dass er die Beiträge ganz toll findet, muss das auch berücksichtigt werden.

Man muss sich am Anfang bewusst sein, was die Erwartungen sind.

SK: Zu guter Letzt: was sind Deine drei Learnings aus den letzten Monaten?

CL: Man muss sich am Anfang bewusst sein, was die Erwartungen sind, also warum man LinkedIn betreibt, wie viel man da aktiv sein will, etc.

Dann muss man ein Profil haben, das klar kommuniziert, wofür man steht und was so die Themen sind.

Und das Dritte ist wohl, dass man Social Media nicht unterschätzen sollte. Vor einem Jahr habe ich das auch noch anders gesehen. Aber der Dialog und das Wissensmanagement sind phänomenal und ich bin auf Themen aufmerksam geworden, die ich heute ohne Social Media nicht kennen würde.


Icon Person

Cyrill Luchsinger ist CEM Manager bei Swiss Post, Berater, Blogger und Referent. In seiner Freizeit beschäftigt er sich stark mit Social Media und hat dort insbesondere auf LinkedIn im letzten Jahr eine starke Präsenz aufgebaut.

Kontakt: LinkedIn / Xing


Sabine Kirchem Sabine Kirchem leitet als Senior Manager Corporate Communications in der ec4u expert consulting ag die Unternehmenskommunikation. Darüber hinaus hat sie bei der Erstellung mehrerer Bücher mitgewirkt, Studien verfasst sowie zahlreiche Fachartikel zu den Themen Customer Journey, CRM und Cloud Computing veröffentlicht.

Kontakt: LinkedIn

 


Erfahren Sie mehr darüber, wie die Digitalisierung Führungskräfte und Unternehmen beeinflusst und mit welchen Werkzeugen, Methoden und Ideen sie erfolgreich gemeistert werden kann. Im Rahmen der virtuellen Konferenz Digital Thoughts am 23. Mai 2019 haben wir alle Vorträge und Interviews aufgezeichnet. Schauen Sie doch mal vorbei. 

 
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