Segelschiff mit Blick auf den Horizont

Auf seiner Keynote zum Start der virtuellen Konferenz Digital Thoughts am 23. Mai sprach Jochen Werne, Director Marketing & Authorised Officer, Bankhaus August Lenz, darüber, wie man sich gegenüber dem digitalen Wandel öffnen kann. Dabei zeigt sich: was wir mit der Technologie assoziieren und was sie tatsächlich bietet, sind oft zwei verschiedene Dinge.

Unternehmen und Menschen müssen aktiv an einer Transformation partizipieren

„Wir müssen uns bewegen.“

Die passive Teilnahme an einer Transformation ist gar nicht möglich. Gerne verlässt man sich erst einmal darauf, dass sich andere bewegen, wartet ab und beobachtet. Bewegung ist zeitaufwändig, anstrengend und sowieso ist doch jeder mit vielen anderen Dingen beschäftigt. Fast jedes fünfte Finanz-Unternehmen, das aktuell auf dem Markt existiert, hat sich seit 2005 gegründet (Accenture Research Analyse von zentralen Banken, Zahlungsregistrierstellen und CB Insight DATA).

Dabei dominieren nicht nur sogenannte „Fintechs„, also Start-ups und andere Unternehmensformen, die den Finanzmarkt vor allem mit technologischen Innovationen und Services bereichern bzw. ergänzen. Für viele „klassische“ Unternehmen wird die Geschäftsmodellerneuerung jedoch zu einem zentralen Thema. Technologischer Fortschritt ist weder gut noch schlecht. Erst die Anwendung von Technologie durch den Menschen kann zu einer Wertung führen.

„Plötzlich konnte man Informationen viel schneller verbreiten als zuvor.“

Vom Wesen des technologischen Fortschritts: Die Druckerpresse

Die Digitalisierung, so Wissenschaftler und Autor Niall Ferguson, ist vergleichbar mit der Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert. Die Bildung weltweit veränderte sich rapide. Regeln und Standards konnten schneller verbreitet werden, bis hin zur Aufklärung. Seit der Erfindung des Buchdruck um 1450 hielt sich das erstgedruckte Werk – die Bibel – für über 200 Jahre an der ersten Stelle der ewigen Bestsellerliste.

Weniger bekannt ist jedoch die Nummer Zwei dieser Liste. Es ist Malleus Maleficarum, der sogenannte „Hexenhammer“, ein Grund für die damalige Verfolgung angeblicher Hexen im Mittelalter, quasi eine „Fake News“-Veröffentlichung in 29 Auflagen. Doch ist somit die Erfindung des Buchdrucks an der Hexenverfolgung Schuld? Alles hängt davon ab, wie wir neue technologische Möglichkeiten einsetzen. Das Gute hängt in diesem Beispiel nicht an der Druckerpresse, sondern daran, was ich mit ihr produziere. Doch zurück zur Digitalisierung.

Der digitale Wandel kann aus demselben Grund nicht als eine gute oder schlechte Entwicklung verstanden werden. Es gibt immer Vor- und Nachteile technologischer Innovationen. Fake News spielen auch heute bei modernen, digitalen Plattformen eine große Rolle. Es ist schwer vorzustellen, dass sich Mark Zuckerberg und das Team um ihn herum bei der Gründung von Facebook, sich der Tragweite ihrer Plattform und ihrem Einfluss auf die Gesellschaft bewusst waren.

„Wir haben die Technologie freigelassen.“

Und sie hat Einfluss auf unsere Gesellschaft, auf Politik, auf demokratische Wahlen und unsere Wahrnehmung.

Regulierung kann Probleme lösen – oder sie verstärken

Die erste Idee, wie den Nachteilen der Digitalisierung – etwa den Fake News – begegnet werden kann, ist meistens die Regulierung über Gesetze. Regulierung kann jedoch auch dazu führen, dass Fortschritt gebremst oder schlimmer noch, durch die falsche Incentivierung oder Bestrafung in falsche Bahnen gelenkt wird.

Unter dem sogenannten „Kobra-Effekt“ versteht man den Versuch, ein Problem zu lösen, die Lösung jedoch ungewollt das Problem verschlimmert. Der Begriff hat seinen Ursprung in den Versuchen der britischen Regierung in der indischen Kolonie eine Kobra-„Plage“ durch das Ausschreiben von Kopfgeldern für getötete Kobras zu beseitigen. Geschäftsleute fingen jedoch an, Kobras zu züchten, um diese dann zu töten und gegen die Belohnung abzugeben. Nachdem der Betrug aufflog, wurde das Programm gestoppt. Die Züchter ließen die nun „nutzlosen“ Kobras frei und vermehrten dadurch die Anzahl der Giftschlangen im Land. Die britische Regierung stand also am Ende mit weniger Geld und mehr Kobras da.

Es gilt mit Regulierung klug und ausgewogen umzugehen. Wir müssen im Rahmen der Digitalisierung vom Kobra-Effekt lernen und sichergehen, dass wir mit Regulierung die positiven Effekte der Digitalisierung nicht eindämmen, gleichzeitig jedoch Missbrauchsformen einschränken.

Die Digitalisierung hat ein potenzielles Imageproblem

Enthusiastisch propagierte digitale Anwendungen haben zunehmend ein Imageproblem, sei es durch die Verbreitung von Fake News und Hate speech auf sozialen Netzwerken oder die Angst vor künstlicher Intelligenz. Bei dieser Angst spielt jedoch oftmals das Framing eine Rolle. Einer Umfrage von The Financial Brand zufolge würden mehr Menschen KI mit einer OP vertrauen als bei der Handhabe ihrer Finanzen.

Nutzer wie Kunden reagieren also unterschiedlich auf ein und dasselbe Thema. Abhängig ist diese Reaktion vom Informationsstand, individuellen Prioritäten und der Art und Weise, wie diese Technologien in den jeweiligen Bereichen dargestellt werden. Viele dieser (Vor-)Urteile werden auch durch den Einfluss von popkulturellen Medien geprägt.

Künstliche Intelligenz erhält in Hollywood beispielsweise eher selten einen positiven Anstrich, Filme wie „Terminator“ oder „2001: A Space Odyssey“ portraitieren die künstlichen Intelligenzen eher als Antagonisten des Menschen. Doch eigenständig denkende und sogar hinterhältige künstliche Intelligenz ist reine Fiktion. Den Experten zufolge sind wir weit davon entfernt, wirklich „intelligente“ Technologie zu kreieren. Auch der Begriff „künstliche Intelligenz“ ist daher in der Praxis nicht das, was wir uns oft darunter vorstellen.

Ein Beispiel: Cyborgs sind schon längst unter uns

Was stellen wir uns beispielsweise unter einem „Cyborg“ vor? Superwesen, die mehr Roboter als Mensch sind und daher übermenschliche Kräfte haben. In der Realität gibt es Cyborgs bereits, wenn wir nach der klassischen Definition gehen, aber nicht so, wie wir sie uns – basierend auf Science Fiction-Büchern und -Filmen – vorstellen.

Cyborg: Ein Lebewesen mit organischen und biomechanischen Körperteilen.

Jeder Mensch kann als Cyborg definiert werden, der beispielsweise einen Herzschrittmacher hat, ein künstliches Hüftgelenk, oder ein Implantat, das bei Diabetes hilft. Angsteinflößend ist das wenig, ganz im Gegenteil.

Das Framing digitaler Innovationen

Doch wie werden diese Technologien in der Öffentlichkeit dargestellt? Wenn es um Implantate geht, berichten die Medien gerne von Ideen und Projekten, die kontrovers sind, das erhöht die Klicks und Leserzahlen. 

Für die Meisten, insbesondere in einem kulturell geprägt skeptischen Land wie Deutschland, sind solche Ideen invasiv und beunruhigend. Kaum vorstellbar sind daraufhin Vorschläge, Implantate im Gehirn zu tragen. Doch dreht man den Verwendungszweck ein wenig vom „Nice to Have“ im Alltag hin zur Lebenserhaltung, ändert sich auch die Akzeptanz gegenüber dem smarten Implantat als Konzept.

„Wir müssen offen sein und manchmal weniger Angst haben, vor dem, was möglich ist.“

Das gilt, um ins Business-Thema zurückzukommen, auch fürs Banking.

Potenziale erkennen – auch hinter dem Mythos

Kann KI dabei helfen, die Finanzbranche aufzumischen? Dan Schulman, CEO von PayPal meinte einmal, dass das größte Hindernis zukünftiger Erfolge die vergangenen Erfolge sind. Es hilft nicht immer, erfolgreiche Strategien 1:1 weiterzuführen. Zur Entwicklung eines Unternehmens muss sich auch die Herangehensweise an Probleme, die Strategie und die Kultur entwickeln. Dabei muss sich auch nicht alles ändern.

Und vielleicht ist die Angst davor so oft Grund für die Abneigung gegenüber dem Wandel, die Auffassung, dass das Rad neu erfunden werden muss. Doch schauen wir uns beispielsweise die Kundenreise an, so haben sich die Grundlagen durch die Digitalisierung nicht geändert. Es gibt einen ersten Impuls, eine erste Idee und daraufhin eine Aktion bzw. Interaktion vom Kunden ausgehend. Was neu dazu gekommen ist, ist die Transparenz gegenüber den Unternehmen, wenn Kunden beispielsweise digital interagieren. Unternehmen können dann genau da ansetzen, um mit digitalen Anwendungen Mehrwerte zu bieten. Die Aufgabe von Unternehmen ist es nun, die möglichen Technologien zu kennen und so zu nutzen, dass der eigene Kundenstamm davon profitiert.

Digitalisierung in der Finanzbranche

In der Finanzbranche sind wir beispielsweise schon sehr weit, was Chatbots angeht. Auch Identifizierungstechnologien oder Methoden, um Geldwäsche vorzubeugen, sind bereits sehr weit entwickelt. Das auch, weil es dort um strukturierte Daten geht, die sich leichter digital verarbeiten lassen. In anderen Bereichen sind wir hingegen weniger weit, auch wenn das oft anders kommuniziert und wahrgenommen wird.

Voraussagen über den Finanzmarkt können beispielsweise heutzutage nicht getroffen werden. Es gibt einfach zu viele Faktoren, die dort mit hineinspielen, eine garantierte Prognose ist daher unmöglich. Das heißt aber nicht, dass gar nichts in diesen Bereichen möglich ist. Dabei spielen auch Themen wie Datenschutz eine enorme Rolle. Nicht alles, was möglich ist, kann auch genutzt werden, wenn es etwa durch die Datenschutz-Grundverordnung nicht gedeckt ist.

Transformation muss aus der Nutzerperspektive gedacht werden

Wir leben in einer Zeit der Transformation. Technologie entwickelt sich rasant und wir haben mittlerweile ungeahnte Möglichkeiten. Auch der Mensch als Individuum orientiert sich relativ schnell an diesen Veränderungen, was sich alleine daran erkennen lässt, wie viele Menschen mittlerweile ein Smartphone nutzen, obwohl das iPhone beispielsweise gerade einmal seit 12 Jahren existiert.

Im Business entwickelt sich der Wandel, die Transformation derweil schon etwas langsamer, da hier viele verschiedene Leute und Sichtweisen auf eine Linie gebracht werden müssen. Es muss einen Konsens geben, bevor es zu einem Wandel kommt.

Prozesse und Handlungen in Organisationen und auch der Politik sind langsamer, was sicher auch in der Natur der Sache liegt. Hier müssen die Verantwortlichen große Entscheidungen für große, unterschiedliche Menschengruppen fällen. Das unterscheidet sich sehr von der individuellen Entscheidung, ein Smartphone zu kaufen oder sich einen digitalen Assistenten ins Wohnzimmer zu stellen.

Der technologische Wandel muss sich dem Menschen anpassen

Technologie entwickelte sich in den letzten zwei Jahrzehnten exponentiell. Etwas, das für unser menschliches Gehirn nur schwer nachvollziehbar ist, da wir lineare Denkmuster gewohnt sind. Es wird also immer mehr Möglichkeiten geben, als der Mensch für sich denken, ausdenken, annehmen und entwickeln kann.

Kommt dann auch noch der kulturelle Rahmen dazu – also wo wir aufwachsen, in welcher Gesellschaft und mit welcher kulturellen Prägung – wird es umso schwieriger, Technologie universell so auszurollen, dass sie überall gleich aufgenommen werden kann. Ein Begriff kann in unterschiedlichen kulturellen Rahmen völlig andere Assoziationen hervorrufen. Während in Schweden beispielsweise das bargeldlose Zahlen, oder auch Implantate mehrheitlich positiv von der Bevölkerung aufgenommen werden, hegen viele deutsche Bürger hierbei Zweifel.

Wenn wir an den Begriff „Cyborg“ zurückdenken, zeigt sich schnell, wie weitläufig diese Assoziationen sein können und wie stark sich das Bild, das wir von einer Technologie haben, von den eigentlichen Anwendungsgebieten und Möglichkeiten unterscheidet. Transformation heißt also auch immer, diese kulturellen Rahmen zu berücksichtigen, zu realisieren, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Ansichten, Ideen und Assoziationen zur digitalen Transformation haben.

Dabei müssen Bedürfnisse in den Vordergrund gerückt werden und auch Ängste berücksichtigt werden, selbst wenn diese aus unserer eigenen Sicht (und Kultur) unbegründet erscheinen. Wir müssen also daran arbeiten, dass die Menschen nicht den Terminator sehen, sondern zum Beispiel einen Menschen mit Parkinson, der die Möglichkeit hat – dank moderner Technologien – aktiv am Leben teilzunehmen.

Kurzum: „Wir müssen uns bewegen.“

Schauen Sie sich Jochen Wernes Keynote und andere Vorträge und Interviews der Digital Thoughts 2019 an. Auf unserer Aftershow-Seite finden Sie alle Materialien und Videos.


Jochen WerneJochen Werne ist Banking- und Marketing-Spezialist und Direktor und Prokurist bei der Bankhaus August Lenz & Co. AG. Er ist u.a. Gastdozent an Universitäten, Keynote Speaker sowie Autor und Co-Autor von Büchern und Artikeln zu Leadership- und digitalen Themen.

 

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